Starkwind oder Flaute


An der Ostsee waren wir ja nun schon einige Mal. An der Nordsee noch nie. Vor der hatte ich immer einen gewissen Respekt. Das Wetter und die See sind etwas rauer. Die Gezeiten stellen erhöhte Anforderungen an die Navigation. Eine bestimmte Strecke kann man nicht einfach fahren wenn man will, sondern man muss sich nach den Strömungen richten. Allerdings sollten das alles keine so großen Probleme sein, dass man die Nordsee ganz links liegen lässt. Deshalb hatte ich schon letztes Jahr über einen Nordseetörn nachgedacht. Startpunkt an der Eider, mit Rückzugsmöglichkeit über den Nord-Ostsee-Kanal, falls das Wetter an der Nordsee sich doch als zu rau für unser kleines Boot erweisen sollte. Dann war aber die Gieselau-Schleuse gesperrt. Also dieses Jahr. Diesmal mit verringerter Mannschaft. Wiebke (18), Ansgar (15) und ich. Meine älteste Tochter bekommt leider keinen Urlaub und Dina, unsere Golden Retriever Hündin, hatte letzte Woche eine Operation. Das bedeutet für uns diesmal relativ viel Platz auf unserer FAM.

Montag, 03.07.2017
Gestern haben wir das Boot in Süderstapel an der Eider geslippt. Wir mussten das Boot wegen der etwas flachen Sliprampe mühsam vom Trailer runterschieben, dabei habe ich mir etwas den Rücken verrenkt. Heute geht es wieder und so starten wir gegen 12 Uhr in Richtung Friedrichstadt. Der Wind kommt recht heftig mit schätzungsweise Stärke 5 aus West. Hier auf der Eider ist das nicht weiter schlimm. Heute und morgen soll es so bleiben, aber für Mittwoch bis Freitag ist eine ruhige Phase vorhergesagt, genau richtig für den langen Schlag von der Eidermündung nach Cuxhaven.
Die ersten Kilometer sind zurückgelegt. Dann habe ich allerdings den Eindruck, dass der Motor nicht mehr so richtig zieht. Normalerweise ist Gegenwind für die 2,5 PS kein Problem, aber nun macht das Boot gerade mal noch 3 Knoten. Mit gezogenem Choke sind es 3,5 Knoten. Aber nicht lange. Bald droht er ganz aus zu gehen, davor bewahrt ihn nur eine Socke, die ich zusammengerollt vor den Lufteinlass am Vergaser schiebe. Was das nur wieder ist? Vor vier Wochen auf der Müritz und vor wenigen Tagen in der Tonne lief er noch problemlos. Nun ist wahrscheinlich irgendeine Düse im Vergaser verstopft, aber warum?
So geht es jedenfalls nicht. Auch mein Rücken macht sich wieder bemerkbar, ich sollte wohl besser doch einen Arzt aufsuchen. Wir kehren um. In Süderstapel steht uns noch das Auto zur Verfügung.
Das Internet hier auf dem Boot ist langsam, so dass man jedes der träge hereintröpfelnden Bits mit Handschlag begrüßen könnte. Aber irgendwann habe ich doch die Telefonnummer eines Orthopäden in Husum und wenig später einen Termin für morgen 9:45 Uhr. Die Suche nach einem Motoren-Service gestaltet sich wesentlich schwieriger und liefert mir nur tausende Ebay-Angebote.
Das Anlegen in Süderstapel ist wegen des starken Windes und dem Motor, der nun völlig streikt, nicht ganz einfach, aber dank der Hilfe einiger Leute auf dem Steg liegen wir letztendlich wieder in der Box, die wir vor wenigen Stunden verlassen haben. Ansgar bugsiert mir den Motor ins Auto. Ich fahre nach Husum, um eine Motorenwerkstatt zu suchen. Normalerweise reinige ich den Vergaser selber, aber auf dem Boot, ohne richtiges Werkzeug, ohne Waschbenzin die Matscherei, das möchte ich auch nicht.
Ich habe Erfolg. Gleich die erste Frage an einen Passanten, der aussieht, als könnte er von Motorenwerkstätten eine Ahnung haben, bringt mir eine Wegbeschreibung, die mich zwar ans andere Ende der Stadt führt, nach der ich aber die Werkstatt auf Anhieb finde. Leider ist hier schon Feierabend. Aber ich kann den Motor schon mal da lassen und morgen muss ich ohnehin wegen des Arzttermins wieder nach Husum.

Dienstag, 04.07.2017
Der Arzt lässt meine Wirbelsäule röntgen und meine, da wäre alles in Ordnung. Ich soll mich erst mal vorsichtig bewegen und alle Arbeiten in gebückter Haltung meine Kinder machen lassen.
Der Mann von der Motorenwerkstatt bestätigt meine Diagnose vom verstopften Vergaser, meint aber, vor Freitag, bestenfalls Donnerstagabend wird das nichts, weil sein Monteur gerade anderweitig zu tun hat. Das ist mir zu lang, dann ist die erste Urlaubswoche, und damit die von mir angepeilte ruhige Wetterphase, vorbei. Kurzentschlossen kaufe ich einen gebrauchten 4 PS 2-Takt AB, den er noch da hat, den anderen Motor kann ich dann auf dem Rückweg in 2½ Wochen abholen.
Meine 3 Kanister fülle ich an der Tankstelle mit frischem Benzin. Nur zur Sicherheit, falls Dreck drin war. Das, was in den Kanistern war, kommt ins Auto. Beim Auto mache ich mir da keine Sorgen, das zutscht das schon durch.
14 Uhr legen wir wieder ab. Der neue Motor ist etwas schwerer, bringt aber das Boot schon bei ⅓ Gas auf die Rumpfgeschwindigkeit von 4,8 Knoten. Bei Vollgas ist es aber nicht mal einen halben Knoten schneller.
Gegen 15:45 Uhr kommt die Schleuse Neufeld in Sicht. Unsere erste Schleuse auf der Eider. Noch während wir versuchen, an einem Dalben fest zu machen, geht neben den zwei roten Lichtern das weiße Licht an und kurz darauf öffnet sich das Schleusentor. Ungewohnt ist, dass man das Schleusen bezahlen muss, aber man bekommt eine Extraschleusung und muss nicht warten.
Hinter der Schleuse beginnt die Tideneider, nun sind wir das erst Mal auf eigenem Kiel auf einem Gewässer mit Ebbe und Flut unterwegs. Zurzeit ist Hochwasser, wir können also mit dem ablaufenden Wasser in Richtung Friedrichstadt fahren.
Vor Friedrichstadt kommt noch eine Klappbrücke, auch hier können wir gleich durchfahren. Eine ganze Straße wird gesperrt und viele Tonnen Stahl bewegt, nur für uns allein.
Auch in der Schleuse in Friedrichstadt, die in die Treene und den Hafen führt, sind wir ganz allein. Wir sind die ganze Zeit auf der Eider keinem einzigen Boot begegnet. Hoffentlich ist hier nicht immer so wenig los, sonst machen die irgendwann die Schleusen und Brücken dicht, weil es sich nicht mehr lohnt. Vielleicht liegt es daran, dass hier noch keine Schulferien sind, auch der Hafen ist noch relativ leer.
Friedrichstadt ist eine nette kleine Stadt und erinnert mit seinen Grachten tatsächlich, wie in diversen Reiseführern und Prospekten angegeben, an Holland. Oder zumindest an meine klischeehaften Vorstellungen von Holland, da ich noch nie in Holland war. Am Markt essen wir Eis, hier ist auch ein Bäcker, wo ich morgen früh Brötchen kaufen kann. Wir schauen uns noch ein wenig um, dann geht es zurück zum Boot.

Mittwoch, 05.07.2017
Heute können wir uns Zeit lassen. Erstens macht es wegen des Flutstroms wenig Sinn, lange vor Mittag los zu fahren. Zweitens wollen wir heute nur bis Tönning, das ist nicht weit. Weiter bis zum Sperrwerk wäre als Ausgangspunkt für den langen Schlag morgen zwar besser, aber dort besteht keine so richtige Liegemöglichkeit.
Mit uns verlässt noch ein weiteres Boot den Hafen. An der Eisenbahnbrücke müssen wir 20 Minuten warten, bis ein Zug vorbei ist, aber das ist kein Problem, da im Moment fast keine Strömung ist. Und der neue Motor hat, nach meinen Erfahrungen für 2-Takt-Motoren eher untypisch, ein erstaunlich rund laufendes und zuverlässiges Standgas.


Die Brücke vor Tönning wird dann wieder für uns allein geöffnet, das andere Boot war doch einiges schneller als wir. Kurz vor 15 Uhr laufen wir in den Hafen von Tönning ein und legen uns neben eine andere FAM.
Als erstes suchen wir eine Tankstelle. Der Verbrauch des Zweitakters ist doch etwas höher, als der des Viertakters. Morgen möchte ich jedenfalls alle drei 5-Liter-Kanister voll haben, da mir die Erfahrung fehlt, in wie weit sich Strömung und Gegenströmungen sich auf den Verbrauch auswirken. Bis Cuxhaven sind es fast 50 Seemeilen. In der Nähe der Tankstelle ist auch ein LIDL, wo wir unsere Lebensmittelvorräte ergänzen können.
Als wir zurück zum Hafen kommen, stellen wir fest, dass dieser zu einem großen Teil trocken gefallen ist. Das Schwert hatte ich zwar hochgekurbelt, aber das Ruder habe ich vergessen aufzuholen, das steckt jetzt zur Hälfte im Schlick. Ich wundere mich, dass die Boote mit mehr Tiefgang noch aufrecht liegen, wahrscheinlich sind die Kiele alle samt, wie mein Ruder, in den Schlick eingesunken. Die Stege sind nur noch über Leitern zu erreichen, mit unserem Hund hätten wir jetzt ein echtes Problem.
Der Besitzer der FAM neben uns schaut mal vorbei, nachdem er gesehen hat, dass neben seiner FAM eine weitere liegt. Er selbst fährt nur auf der Eider, aber er schickt uns einen Kumpel vorbei, der uns ein paar Tipps für die Nordsee gibt. Unter anderen, morgen nicht zu früh im Dunklen los zu fahren, weil man auf dem Stück bis zum Sperrwerk unbedingt die Fahrwassertonnen erkennen muss, und die Insel Neuwerk zu besuchen, die sei sehr schön.

Donnerstag, 06.07.2017
Halb 4 stehe ich auf und gegen 4 Uhr geht es los. So habe ich noch 2½ Stunden ablaufendes Wasser vor mir. Die Kinder schlafen noch. Die Tonnen sind nun gerade so zu erkennen, bei den weiter entfernten ist mein ZEISS-Glas eine große Hilfe. Dank der Strömung komme ich schnell voran. Bald wird es heller. Auf einer Sandbank entdecke ich einige Seehunde, die gibt es hier also wirklich.
Kurz vor dem Sperrwerk geht die Sonne auf. Wiebke kommt an Deck, um mir bei der Schleuse behilflich zu sein. Auf einen Anruf über UKW kommt keine Antwort, auch als wir im Vorhafen anlegen tut sich erst mal nichts. Aber auf einen Telefonanruf hin kommt die Frage, wo wir den im Moment wären. Man hatte uns noch gar nicht gesehen, was verzeihlich ist, um diese Uhrzeit. Nun werden wir gleich geschleust. Gut dass ich angerufen habe, sonst hätten wir hier wo möglich längere Zeit gewartet, dabei ist für uns jede Viertelstunde ablaufendes Wasser kostbar.
Es ist praktisch kein Wind und das Wasser ist glatt wie ein Spiegel. Der Motor schiebt uns an den Sandbänken vorbei, auf denen ab und zu ein Seehund liegt. Das ist nun also die Nordsee. Und irgendwo da ganz weit draußen liegt Helgoland.
Helgoland? Hm. Warum eigentlich nicht? Die Bedingungen sind ideal. Heute und Morgen soll noch ruhiges Wetter sein. Naja, über ein wenig Wind zum Segeln wäre ich nicht böse, aber man kann nicht alles haben. Lieber zu wenig als zu viel Wind. Vor der Nordsee habe ich Respekt, hier habe ich noch keine Erfahrung.
Wiebke steuert, ich gehe in die Kajüte um in die Karten zu sehen. Von der Entfernung her ist Helgoland etwas näher als Cuxhaven. Die Tidenströmungen wirken sich da draußen nicht so stark aus. Benzin bekomme ich dort auch. Zum ersten Mal gebe ich einen Wegepunkt in das GPS ein: die Tonne Düne Süd.
Wir passieren die Eider-Tonne 10. Ab hier könnte man auf Kurs 225 Grad gehen um den Weg nach Cuxhaven etwas abzukürzen. Allerdings wäre die komplette Strecke bis zum nächsten Hochwasser nicht zu schaffen. Naja, das Problem werden wir morgen auch haben.
Für uns geht es erst mal weiter bis zur Ansteuerungstonne Eidermündung. Und von dort aus Kurs 240 Grad aufs offene Meer. Ein Gefühl wie vor vier Jahren, als wir nach Bornholm gesegelt sind. Ein Abenteuer.
8:22 haben wir die Ansteuerungstone passiert und nach einigen weiteren Seemeilen die Hälfte für heute geschafft. Alle 1½ Stunden tanke ich nach. Es ist immer noch kein Wind, aber aus Nordwest kommt eine etwas unangenehme Dünung. Langsam versinkt das Land achteraus hinter dem Horizont und voraus wird irgendwann ein dünner Strich im Dunst sichtbar: die Antenne von Helgoland. Nun habe ich wieder eine Landmarke, nach der ich steuern kann, wesentlich angenehmer, als nach Kompass zu steuern.
Nach und nach kommen ein weiterer Turm und dann das Oberland in Sicht. Und später auch das Unterland und die Düne. Um die Tonne Düne Süd zu umfahren, müssen wir etwas nach Backbord abdrehen. Das Schutzgebiet „Felssockel Helgoland“ darf nicht befahren werden, nur das Fahrwasser ist hier ausgespart. Helgoland bietet mehrere Häfen, mit etwas Mühe entnehme ich meinen Unterlagen, dass wohl der Südhafen für uns der richtige ist. Schon 15 Uhr laufen wir in den Hafen ein, das ist der Vorteil, wenn man früh um 4 los fährt. Einer der Plätze am Ende des Stegs an der Nordseite, die nur für kleinere Boote zugelassen sind, wird gerade frei. Der, der hier lag fährt extra eine Viertelstunde eher ab, als geplant, damit wir anlegen können.
Für den Gang zum Hafenmeister muss ich das ganze Hafenbecken umrunden, der Liegeplatz selbst ist mit knapp 10 Euro recht preiswert, Kurtaxe inclusive. Die Benutzung der Sanitären Anlagen ist im Preis allerdings nicht enthalten. Und die ist richtig teuer. Jeder Gang auf die Toilette pro Person 1 Euro, möchte man danach noch mehr als die Hände waschen 2 Euro und das Duschen 4 Euro. Für die meisten, die hier liegen, sicher kein Problem, da ihre Boote über die entsprechenden Einrichtungen verfügen. Aber unser Porta Potti, das 20 cm neben dem Esstisch steht, ist eigentlich nur für den äußersten Notfall gedacht.
Als nächstes kaufe ich Benzin. Dann besichtigen wir die Insel. Der erste Eindruck entspricht dem Klischee: viele Tagesgäste, die hauptsächlich hergekommen sind, um Alkohol und Zigaretten zu kaufen. Selbst bei den sogenannten Boots- oder Yachtausrüstern hat man wohl mehr die Ausstattung mit hochprozentigen Getränken im Sinn. Aber auf dem Oberland wird es schnell ruhiger. Nicht akustisch, das Geschrei der Möwen und anderen Fluggetiers ist ausreichend laut. Aber ansonsten scheint die Zeit hier oben stillzustehen. Es gibt eine Rundweg, für den man sich Zeit nehmen sollte. Im Süden sieht man die Schiffe auf dem Elbfahrwasser und in den Felswänden die Vögel mit ihren Jungtieren. Bei dieser Menge von Vögeln fühlt man sich an den Film „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock erinnert. Auf kleinen Steinpyramiden am Weg wird man über die bewegte Geschichte der Insel informiert.


Gegen halb 7 kehren wir zum Hafen zurück. Der ist inzwischen voll geworden, bis zu 9 Boote liegen im Päckchen. Unser Boot am hintersten Ende des Stegs liegt allerdings noch allein.

Freitag, 07.07.2017
Gegen 8 Uhr stehe ich auf und kaufe Brötchen. 10 Uhr geht es los. Heute wollen wir nach Cuxhaven. Von den Gezeiten her würde es reichen, wenn wir nach 18 Uhr an der Ansteuertonne Norderelbe wären, dann hätten wir auflaufenden Strom. Allerdings kämen wir erst in der Dunkelheit nach Cuxhaven. Die mir unbekannten Fahrwasser der Norderelbe und das stark befahrene Fahrwasser der Elbe bei Dunkelheit – das möchte ich vermeiden. Eine Alternative wäre gewesen, ähnlich zeitig wie gestern aufzustehen, aber dazu hatte ich keine Lust. Bleibt also nur zu hoffen, dass wir gegen die Strömung ankommen.
Vorerst kommen wir gut voran. Einen kleinen aufkommenden Windhauch nutzen wir für einen Versuch zu segeln, aber das geben wir bald wieder auf. Halb 3 erreichen wir die Ansteuertonne zur Norderelbe.
Anfangs ist vom Ebbstrom noch nicht viel zu spüren, Aber schon bei Tonne 6 beträgt die Geschwindigkeit über Grund nur noch 1,5 Knoten, teilweise sogar noch weniger. Das Fahrwasser teilt sich hier. Einmal das Lüchterloch: Breit und tief. Großer Querschnitt = niedrige Strömungsgeschwindigkeit oder fließt hier extra viel Wasser durch? Zum anderen die Norderelbe weiter: Wirkt der Gelbsand wie eine Barriere gegen das abfließende Wasser oder wirken die engen flachen Fahrwasser wie eine Düse mit besonders hohen Strömungsgeschwindigkeiten? Die Karte sagt darüber nichts aus, Strömungsgeschwindigkeiten sind nur für das Elbfahrwasser angegeben. Mangels Erfahrungswerten ist es eine reine Bauchentscheidung, dass ich mich für die Norderelbe entscheide. Norderelbe klingt nicht so gruselig wie Lüchterloch. Da wieder etwas Wind aufgekommen ist setzen wir zusätzlich das Großsegel, das bringt einen Geschwindigkeitszuwachs von einem halben Knoten. Am Gelbsand vorbei steigt die Geschwindigkeit sogar wieder auf 3,5 Knoten, aber in der Nähe des Elbfahrwassers ist wieder Ebbe, im wahrsten Sinne des Wortes. 0,5 Knoten über Grund sind es noch und ich schaue lieber gar nicht erst, in welche Richtung. In größerem Abstand zum Fahrwasser wird es besser, aber eine halbe Stunde brauchen wir immer noch von Tonne zu Tonne, welche im Abstand von rund einer Seemeile stehen. Irgendwann queren wir das Fahrwasser, zwei weitere Segelyachten kämpfen hier gegen den Strom. Große Schiffe sind keine unterwegs.
20:45 Uhr haben wir es geschafft und wir fahren in den Yachthafen ein. Das Hafengeld können wir an einem Automaten mit Karte bezahlen, hier erhalten wir auch eine Karte für die Sanitärräume.

Sonnabend, 08.07.2017
Brötchenverkauf von 8:00 bis 9:15 auf dem Wohnmobilstellplatz, las ich gestern Abend am Hafenbüro. 8:45 mühe ich mich aus der Koje und habe Glück, das ich kurz nach 9 Uhr noch Brötchen bekomme, denn der Verkauf macht in Wirklichkeit schon um 9 Uhr zu.
Heute wollen wir einen Ruhetag einlegen. Der Wind pfeift mit Stärke 5 durch den Mastenwald, für eine Fahrt auf der Elbe nicht unbedingt ein k.o.-Kriterium, aber wir brauchen auch Benzin und Lebensmittel. 2-Takt-Öl wäre auch nicht schlecht. Unser Benzinverbrauch ist größer als gedacht und die 1-Liter-Flasche, die ich beim Motorkauf mitgekauft habe ist schon halb leer.
Wo die Tankstelle ist, erfahre ich beim Hafenmeister. Rund 1 Kilometer entfernt, hier fülle ich meine Kanister. TC-W3-Öl gibt es nicht, wenn ich 1:100 mische, will ich schon dieses spezielle haben. Dieses hoffe ich nun bei einem Bootsausrüster zu finden. Aber der erste hat heute am Sonnabend schon geschlossen. Der nächste verkauft hauptsächlich Klamotten und die beiden Mädels, die hier als Verkäuferinnen arbeiten, scheinen von 2-Takt-Öl noch nichts gehört zu haben. Aber ich erfahre von ihnen, wo der nächste Supermarkt ist, hier kaufe ich Lebensmittel und einen 4. Benzinkanister.

Sonntag, 09.07.2017
Heute soll es nach Glückstadt gehen, einer der wenigen Häfen, die unabhängig von der Tide zu erreichen sind. Mit dem Flutstrom geht es Elbaufwärts. Neben dem Fahrwasser ist ausreichend Platz für Sportboote. Aber auch im Fahrwasser ist nicht übermäßig Verkehr. Meist kommen 2 oder 3 der großen Pötte hintereinander und dann ist wieder eine Stunde lang Ruhe. Ein paar Meilen kann ich segeln, wobei nicht der Wind sondern der Strom den größeren Teil zum Vorwärtskommen beiträgt.
Gegen 15 Uhr legen wir im Außenhafen von Glückstadt an. Wer jetzt durch das Sperrwerk in den Innenhafen fahren würde, hätte morgen früh das Nachsehen: Das Sperrwerk ist täglich nur ein paar Stunden um die Hochwasserzeit geöffnet.
Wir gehen in die Innenstadt Eis essen. Es läuft gerade so eine Art Kurkonzert. Die Musik ist schön, aber die Musiker könne einem echt leidtun: den ganzen Tag in der prallen Sonne. Nur die Dirigentin hat Glück, sie steht im Schatten einer Säule.

Montag, 10.07.2017
Heute geht es weiter nach Hamburg, genau genommen nach Wedel, einem Vorort von Hamburg. Der Hafen direkt in Zentrum von Hamburg ist klein, es erscheint mir unwahrscheinlich, dass man dort einen Platz bekommt. Außerdem müsste man 11 Seemeilen weiter fahren.
Das Wetter ist heute nicht so toll. Ab und zu leichter Nieselregen. Rechts kommen erste Industrieanlagen in Sicht. Man muss sich hier mit den an- und ablegenden Schiffen arrangieren, aber alles kein Problem. Ansonsten eine recht ereignislose Fahrt und wir sind froh, als wir, inzwischen im Dauerregen, in Wedel anlegen können. Wir spannen die Plane über das Cockpit. Obwohl der Hafen voll ist, ist hier irgendwie tote Hose. Zum Teil ist sicher der Regen daran schuld, zum anderen hat die Saison noch nicht richtig begonnen, in der Woche ist da nicht viel los. So vergeht der Rest des Abends mit Siedler spielen, Essen kochen und einen Film ansehen, auf unserem Mini-DVD-Player.

Dienstag, 11.07.2017
Der Weg zum Brötchen einkaufen ist weit. 20 Minuten über den Deich bis nach Wedel. Weitere 20 Minuten zurück. Und ich weiß, dass ich den Weg nachher, wenn wir nach Hamburg rein wollen, nochmal laufen muss. Aber immerhin finde ich auf dem Rückweg bei einem Bootsausrüster das gesuchte 2-Takt-Öl. Außerdem kaufe ich noch zwei Gaskartuschen. Von Süderstapel mal abgesehen, gab es bisher in keinem Hafen eine Gelegenheit zum Geschirr abwaschen. So müssen wir das Abwaschwasser selbst erwärmen – der Gasverbrauch ist höher als gedacht.
Nach dem Frühstück geht es also wieder nach Wedel und von dort mit der S-Bahn in die Innenstadt von Hamburg.


Viel Konkretes haben wir nicht vor, aber den alten Elbtunnel wollen wir ansehen. Zu Fuß unterqueren wir die Elbe und ersparen uns auf diese Weise scheinbar einen Regenguss, denn als wir auf der anderen Seite wieder ans Tageslicht treten ist alles nass.


Wieder zurück am nördlichen Elbufer schlendern wir über die Landungsbrücken. Nach Backfisch und Pommes geht es weiter in Richtung Hafencity. Wir lästern etwas über die Architektur der neuen Elbphilharmonie – wir kommen halt aus der Provinz. Auch den Rest der Hafencity finde ich nicht so ansprechend, etwas schluchtartig und wenig grün. In einem Straßencafé überdauern wir einen weiteren Regenguss.


Dann müssen wir langsam zurück. Wiebke und ich wollen „Der König der Löwen“ ansehen, die Vorstellung beginnt 18:30 Uhr. Sehr teuer, aber so was macht man nur einmal im Leben. Ansgar wollte nicht, er fährt schon mal nach Hause, das heißt zurück zum Boot. Vorher muss ich noch Benzin besorgen. Die Tankstelle in Wedel hat ausgerechnet von Montagmittag bis Mittwochmittag geschlossen. Vom Hafenmeister des Cityhafens erfahren wir wo die nächste Tankstelle ist, nebst dem Hinweis, den Kanister im Rucksack gut zu verschließen, damit man nachher in der S-Bahn nichts riecht. Man sei da vom G20-Treffen vom Wochenende noch etwas empfindlich.
Die Tankstelle ist nicht allzu weit entfernt, aber durch die vielen Ampeln dauert es hin und zurück eine halbe Stunde. Dann steigt Ansgar in die S-Bahn und Wiebke und ich steigen in eins der kostenlosen Shuttle-Boote, das uns ans andere Ufer zum Stage Theater bringt.
Am Einlass bekomme ich gerade noch rechtzeitig mit, dass man nach gefährlichen Gegenständen, wie z. B. Taschenmessern durchsucht wird. Ich habe 3 dabei, die deponiere ich deshalb im nächsten Gebüsch. Die Show selbst ist schon beeindruckend, das Geld hat sich gelohnt.

Mittwoch, 12.07.2017
Ursprünglich hatten wir geplant, von Hamburg weiter elbaufwärts bis Lauenburg zu fahren. Dann durch den Elbe-Lübeck-Kanal auf die Ostsee. Und dann irgendwie in Richtung Kiel, durch den Nord-Ostsee-Kanal und die Eider zurück. Da unser Urlaub allerdings schon halb vorbei ist, würde das etwas stressig werden. Und die Elbe stromaufwärts – von Gegenströmungen habe ich seit der Norderelbe erst mal genug. Also egal ob Nord- oder Ostsee, heute geht es erst mal zurück nach Glückstadt.
Im Nieselregen verlassen wir den Hafen. Heute bleiben wir die ganze Strecke auf der rechten Seite außerhalb des Fahrwassers. Der Regen wird stärker. Zum Glück ist es heute nicht sehr weit zu fahren. Und der Ebbstrom schiebt gut, wie ich von Zeit zu Zeit mit einem Blick auf das GPS feststelle.


Das GPS ist wasserdicht und meine Hände feucht. Deshalb merke ich nicht, dass sich die Tasche meiner Regenjacke allmählich mit Regenwasser füllt. In der Tasche ist neben dem GPS dummerweise auch der Fotoapparat, und der ist nicht wasserdicht. Als ich das merke und mal probehalber das Batteriefach des Fotoapparates öffne läuft ein Schwapp Wasser raus. Ich lege ihn erst mal ohne Batterien in die Kajüte zum Trocknen.
Anstatt irgendwann mal nachzulassen nimmt der Regen im Laufe der Zeit noch zu. Aber dann sind wir auf dem Seitenarm der Elbe, der nach Glückstadt führt. Kurz vor 13 Uhr legen wir wieder im Außenhafen an. Und als wir die Regenplane über den Baum gespannt haben lässt der Regen nach und hört irgendwann ganz auf.
Zeit sich Gedanken zu machen, wie es morgen weiter gehen soll. Neuwerk wäre auf jeden Fall noch ein Ziel. Vielleicht noch Büsum und vor dem Rückweg über die Eider noch mal hoch nach St. Peter oder Husum, je nachdem wieviel Zeit noch ist. Allerdings ist für die nächste Zeit relativ viel Wind angesagt. Bei Windstärke 5 will ich nicht raus auf die Nordsee. Also lieber durch den Nord-Ostsee-Kanal auf die Ostsee. Hier ist etwas weniger Wind. Wind 4 aus West auf der Ostsee ist ok.

Donnerstag, 13.07.2017
Wir fahren für unsere Verhältnisse relativ früh 8 Uhr los. Der Wind kommt recht kräftig aus West bis Nordwest. Das erzeugt in Verbindung mit dem Ebbstrom eine recht unangenehme steile Welle, selbst hier auf der Elbe. Wir sehen uns in unserer Entscheidung, auf die Ostsee auszuweichen, bestätigt. Langsam kämpfen wir uns vor in Richtung Brunsbüttel. Das heißt so langsam ist es gar nicht wegen des Stromes, aber durch das Gestampfe durch die Wellen kommt es einem so vor. Hoffentlich müssen wir auf das Schleusen nicht so lange warten. Der Wartebereich für Sportboote liegt außerhalb auf der Elbe, bei diesen Verhältnissen wäre langes Warten unangenehm.
So schlimm ist es dann gar nicht. Vor der Einfahrt in den Vorhafen führt eine kleine Mole raus auf die Elbe, die schirmt die Wellen ab. Hier kann man gut warten, nur zu dicht ran an die Mole darf man nicht, hier schauen Steine aus dem Wasser. Über UKW frage ich nach und erfahre, dass wir in 20 Minuten dran kommen. Zu zweit mit einem Lotsenboot werden wir in dem für uns riesigen Becken der kleinen Schleuse geschleust.
Nun liegen fast 100 km Kanal vor uns. Gut, dass wir heute zeitig los gefahren sind, so können wir heute noch ein ganzes Stück hinter uns bringen. Und gut, dass wir in Hamburg den 4. Benzinkanister gefüllt haben. Bis Rendsburg könnte es so gerade reichen. Das Funkgerät lasse ich auf Kiel Kanal 2 mitlaufen. Mit den Verkehrsmeldungen kann ich allerdings nicht viel anfangen. Aber es ist einfach: Nur wenn 3 rote unterbrochene Lichter an den Ausweichstellen eingeschaltet sind, muss man als Sportboot warten. Die anderen Farbkombinationen bedeuten wohl Warteplicht für Schiffe unterschiedlicher Größe. Die zahlreichen Fähren sind freundlich. Sie warten bis man vorbei ist. Auch Begegnungen mit den großen Pötten sind kein Problem. Aber es ist schon beeindruckend, wenn bei den ganz großen in Rumpfmitte der Wasserstand im Kanal um einen reichlichen halben Meter abgesenkt wird, gut erkennbar an der schrägen Kanalböschung.
Man darf auf dem Kanal nicht segeln, aber man darf zusätzlich zum Motor noch Segel setzen. Das machen wir einige Zeit. Aber viel bringt das nicht. Die Bäume um den Kanal schirmen den Wind ab und verursachen ständig Winddrehungen. Deshalb lassen wir es irgendwann wieder sein.
Bei Kilometer 66 ist Rendsburg erreicht. Wir biegen ab in den See und legen uns in einen Hafen am westlichen Ufer. Der Weg in die Stadt dürfte hier nicht weit sein. Lebensmittel benötigen wir noch nicht, ich war gestern einkaufen. Aber wir benötigen Benzin, bis auf einen kleinen Rest sind alle Kanister leer.

Freitag, 14.07.2017
Erst 11 Uhr geht es heute los. Erstens ist es heute nicht so weit. 2/3 des Kanals liegen hinter uns und es reicht uns, wenn wir heute bis Kiel/Schilksee kommen. Zweitens genießen wir, dass wir uns heute nicht nach irgendwelchen Gezeitenströmungen richten müssen.
Wir kommen gut voran und irgendwann kommen die Schleusen in Sicht. Der Wartesteg am Nordufer ist zwar mehr oder weniger voll, aber wir können an einem etwas größeren Boot längsseits fest machen. Allerdings sind Gerüchte im Umlauf, dass es erst in 5 Stunden weiter gehen soll. Jetzt ist es 14:30 Uhr, das wäre also 19:30 Uhr. Ich schalte das Funkgerät ein. Aus den laufenden Gesprächen kann man sich zusammenreimen: Vor der einzigen in Betrieb befindlichen Schleusenkammer hat ein Frachter eine größere Menge seiner Holzladung verloren. Das schwimmt jetzt vor dem Schleusentor und muss erst einmal eingesammelt werden. Den von der Ostsee kommenden Schiffen wird empfohlen, draußen beim Leuchtturm zu ankern.
Es ist nicht zu ändern, warten wir also. Allzu weit vom Boot entfernen kann man sich nicht, falls es doch irgendwann weiter geht. Sonst könnte man ein Eis essen gehen. Es ist ziemlich warm. Wir spielen eine Runde Siedler. Irgendwann geht es dann auch weiter. Mit der ersten Schleusung rauswärts werden allerdings keine Sportboote geschleust. Erst bei der nächsten Schleusung wird angekündigt, dass nun auch Sportboote mit geschleust werden. Tatsächlich, etwa 5 Stunden hat es gedauert. Langsam kommt Bewegung in die inzwischen etwa 20 wartenden Boote. Zuerst fahren allerdings 5 Dickschiffe in die Schleuse ein, eins größer als das andere. Kaum vorstellbar, dass da noch Platz für die Sportboote sein soll. Wir haben eine günstige Position und fahren mit als eines der ersten Boote in die Schleuse, durch eine Gasse zwischen den großen, bis vor das vordere Schleusentor, wo wir gemeinsam mit einem anderen Boot an einem Frachtschiff längsseits festmachen. Weiter hinten scheint das nicht so glatt zu gehen, das Schleusenpersonal muss immer wieder mahnen, doch bis vorn durch zu fahren und nicht gleich hinter dem Tor fest zu machen, damit die anderen Boote auch noch rein fahren können.
Der Höhenunterschied ist nicht groß, trotz dem dauert es eine ganze Weile, bis die Wasserstände angeglichen sind und sich das Schleusentor öffnet. Dank unserer Position sind wir die ersten, die dann endlich raus fahren können. Hier draußen ist ganz schön was los. Wie aufgefädelt warten hier die großen auf die Schleuse. Vor Friedrichsort ist noch eine gesperrte Wasserfläche. Und auf das Holz achten muss man auch. Soweit ich es erkennen kann, sind es Rundhölzer, 4 oder 5 Meter lang und so 10 oder 12 Zentimeter Durchmesser, die hier einzeln oder auch noch in Bündeln auf der Förde treiben. Da möchte man nicht mit 5 Knoten drauf rauschen.
Gegen 21:30 Uhr fahren wir endlich in den Olympiahafen Schilksee ein und legen uns ganz weit innen in eine freie Box am Steg 1. Zum Essen kochen haben wir jetzt keine Lust mehr, zum Glück hat die Pizzeria hier gleich am Hafen noch geöffnet.

Sonnabend, 15.07.2017
Heute können wir wieder ausschlafen. Brötchen bekommt man gleich hier am Hafen. 11:30 Uhr geht es los. Der Wind kommt schwach aus Nordost. Schwach und genau entgegen, dass ist eigentlich ein Fall für den Motor. Aber wir wollen endlich mal Segeln. Aber lange halten wir das nicht durch und dann nehmen wir doch den Motor.
Wir nehmen Kurs auf die Schlei. Irgendwann ist auch wieder ausreichend Wind und nun für diesen Kurs auch aus einer brauchbaren Richtung.
Die Kinder steuern, ich habe es mir in der Kajüte bequem gemacht. Irgendwann meinen die Kinder, da wären Bojen. Gelbe, und weiter voraus noch ein paar abgebrochene. Ich schaue raus und sehe achteraus eine gelbe Tonne mit roten Streifen. Das Sperrgebiet vor Damp. Wir wenden erst mal, damit wir wieder aus dem Sperrgebiet raus kommen. Dann hangeln wir uns an der östlichen Bojenlinie lang, bis wir in Richtung Schleimündung abbiegen können.
18:30 Uhr legen wir in Maasholm an. Heute gibt es mal wieder Eis, der Eisverkauf ist gleich nebenan am Fischereihafen. Dann starten wir noch zwei Maschinen mit Wäsche und kochen Abendessen.

Sonntag, 16.07.2017
Bis gestern Abend war schönes Wetter, aber das ist vorbei. Der Wind kommt mit Stärke 5 aus West und treibt Nieselregen vor sich her. Mit Marstal, wie ursprünglich geplant, wird das heute nichts. Wir beschließen deshalb, heute nur die Schlei ein Stück rauf zu fahren, mal sehen, wie weit wir kommen. Aber ein paar Kilometer hinter Kappeln haben wir genug von diesem Wetter und drehen um. 16 Uhr legen wir in einer der riesigen Boxen des Stadthafens von Kappeln an.
Der Hafen ist relativ teuer. Aber das Duschen ist im Preis mit enthalten und das nutzen wir aus. Ich mag diesen Stress beim Duschen nicht. Wie beispielsweise in Cuxhaven: 4 Minuten, und die Zeit läuft weiter, auch wenn kein Wasser läuft. Das ist einfach Murks.
Später gehen Ansgar und ich noch zur Tankstelle. 2½ Kanister sind schon wieder leer.

Montag, 17.07.2017
Die Sonne schien schon gestern Abend wieder und der Wind hat etwas nachgelassen. Deshalb soll es heute nach Marstal gehen. Bald nach dem Ablegen setzen wir die Segel. Fock und das erste Reff im Groß. Auf der Schlei ist der Wind noch sehr unregelmäßig. An dem grün/weißen Leuchtturm geht es raus auf die Ostsee.
Der Wind kommt jetzt mit 4 bis 5 aus Nordwest. Wir haben inzwischen das zweite Reff eingebunden, das Boot fährt immer noch über 4½ Knoten. Weiter draußen sind die Wellen fast 1 Meter hoch. Mit uns sind noch einige andere Boote in die gleiche Richtung unterwegs. Der Wind dreht etwas auf West. Die Fock steht unruhig. Deshalb rollen wir sie ein und wechseln dafür mit dem Groß wieder ins erste Reff. Irgendwann sind wir an der Südspitze von Ærø vorbei, es wird etwas ruhiger.
Die Ansteuerungstonne von Marstal kommt in Sicht. Bis kurz vor die Hafeneinfahrt können wir segeln. Hier im geschützten Bereich setzen wir die dänische Gastlandsflagge. Der Hafen ist relativ voll, aber wie schon so oft finden wir noch einen Platz ganz vorn, wo es flach wird. 27 Seemeilen in 6 Stunden und 50 Minuten ergibt einen Schnitt von 4 Knoten, für uns ein Spitzenwert.
Im Super Brugsen kaufen wir Lebensmittel und Postkarten. Abschicken werden wir die Karten aber erst in Deutschland. Mit 25 Kronen pro Karte ist uns das aus Dänemark einfach zu teuer.

Dienstag, 18.07.2017
Wind mit Stärke 3 aus NW, ideal für den Rückweg nach Kiel. Relativ spät, erst nach 11 Uhr fahren wir los. Noch in der Hafenausfahrt setzen wir die Segel. Das noch von gestern eingebundene 1. Reff können wir bald raus lassen. Deutlich in Gruppen sind andere Boote über den Horizont verteilt: Westsüdwestlich die, die in Richtung Schlei fahren. Etwas weiter südlich Damp oder Eckernförde. Südöstlich mehrere, die in Richtung Fehmarn/Heiligenhafen fahren. Auch in unserer Richtung sind einige unterwegs und ab und zu werden wir von welchen überholt, die noch später gestartet sind als wir.
Der Wind lässt langsam nach und irgendwann müssen wir den Motor nehmen. Aber einige Meilen vor dem Leuchtturm ist der Wind wieder da, so dass wir den Rest bis Schilksee segeln können.
Da Ansgar heute Geburtstag hat, gehen wir heute noch mal in die gleiche Pizzeria wie vor einigen Tagen. Am späten Abend stehen wir dann im Hafen vor der verschlossenen Toilettentür. Zum öffnen braucht man eine Lochkarte, die man normalerweise bei der Anmeldung beim Hafenmeister bekommt. Aber eben nur bis 18 Uhr. Neben der Tür hängt ein Zettel, auf dem steht, dass man von 18 bis 21 Uhr die Karte bei irgendwelchen Kunden- oder Gästebetreuern auf den Stegen bekommt, aber solche Typen waren da nicht zu sehen. Das Problem hatten wir beim letzten Mal auch schon, aber da hatten wir Glück, es kam noch jemand, der eine Karte dabei hatte. Diesmal warten wir eine Viertelstunde vergeblich. Da hat man nun die Hafengebühr bezahlt und kann die Einrichtungen trotzdem nicht nutzen.

Mittwoch, 19.07.2017
Als ich das Thema am Morgen beim Hafenmeister noch mal anspreche, verweist er auf ein rotes Schild neben der Tür. Auf diesem steht, dass man die Karte bis 23 Uhr bei dem Italiener bekommt, bei dem wir gestern Abend essen waren. Leider ist das Rot relativ dunkel, so dass ich es gestern Abend übersehen habe. Und warum steht dann dieser Quark mit den Gästebetreuern neben der Toilettentür? Naja, das nächste Mal weiß ich Bescheid. Wenn es dann nicht schon wieder anders geregelt ist.
Kurz vor 9 Uhr fahren wir los. Zuerst nach Strande zur Tankstelle. Ein Kanister ist schon wieder fast leer. Rein rechnerisch müsste das, was wir noch haben, auch so für Kanal und Eider reichen, aber sicher ist sicher.
Auf dem Weg zur Schleuse höre ich schon mal den Funk mit. Interessant, die großen Schiffe müssen vor der Einfahrt in die Schleuse mal probeweise den Rückwärtsgang einlegen. Das lässt sich das Schleusenpersonal über Funk bestätigen. Wahrscheinlich damit sichergestellt ist, dass sie bei der Einfahrt in die Schleuse auch wirklich aufstoppen können und nicht das Schleusentor rammen.
Diesmal müssen wir nur 20 Minuten warten. Nach einem riesigen Containerschiff und einem Raddampfer können wir einfahren. Wieder bis kurz vor das innere Schleusentor. Und wieder dürfen wir raus, als es sich nur einen Spalt breit geöffnet hat. So erhalten wir gleich einen ganz anständigen Vorsprung vor dem Riesenschiff. Die Lichtsignale an den Ausweichstellen zeigen in der Folgezeit in der Gegenrichtung 3 rote unterbrochene Lichter. Selbst Sportboote müssen nun warten, um das Riesenschiff vorbei zu lassen. Irgendwann überholt es uns dann.
Gegen 18 Uhr erreichen wir den Abzweig in den Gieselau-Kanal und kurz darauf die Anlegestelle an der Gieselau-Schleuse. Für eine Nacht kann man hier kostenlos liegen. Toilette und Waschgelegenheit gibt es im Gebäude an der Schleuse.
Ich schwimme noch ein paar Runden im Kanal. Das Wasser ist nicht allzu sauber aber warm. Später, zurück auf dem Boot, in der Kajüte höre ich plötzlich ein Rauschen, die Boote am Steg geraten heftig in Bewegung. Nach nicht mal einer halben Minute ist der Spuk vorbei. Der Skipper vom Boot hinter uns erklärt mir, dass das passiert, wenn draußen auf dem Nord-Ostsee-Kanal ein großes Schiff vorbei fährt. Dann zieht es bis hier her das Wasser aus dem Kanal. Bestimmt lustig, wenn man gerade in die Schleuse fährt…

Donnerstag, 20.07.2017
Wir kratzen unsere letzten Bargeldvorräte zusammen. Das Schleusen kostet 6 Euro und bezahlen kann man nur in bar. Zusammen mit mindestens einem anderen Boot wären es nur noch 3 Euro, aber die meisten anderen Boote haben den Platz nur zum Übernachten genutzt und fahren zurück auf den Nord-Ostsee-Kanal. Nachdem wir geschleust wurden folgen wir dem Gieselau-Kanal, der nach wenigen Kilometern in die Eider mündet. Hier könnte man zurück nach Rendsburg fahren, wir folgen aber der nicht vorhandenen Strömung flussabwärts. Der Fluss windet sich durch eine idyllische Landschaft, ein schöner ruhiger Abschluss unserer Tour. Auch bei der Schleuse Lexfähre werden wir gleich geschleust und die Klappbrücke einige Kilometer weiter steht bei unserer Ankunft schon offen, da ein anderes Boot uns gerade entgegen kommt. Sozusagen „rush hour“ auf der Eider. In Abständen liegen rote oder grüne Tonnen auf dem Fluss, die Zählung geht abwärts. Bei den Tonnen 1 und 2 sind wir vor genau 2 Wochen raus auf die Nordsee in Richtung Helgoland gefahren.
Gegen 15 Uhr legen wir in Süderstapel an.
Wieder ist ein Bootsurlaub zu Ende. Wieder haben wir viel Neues gesehen und erlebt. Besonders Ebbe und Flut waren für uns eine neue Erfahrung. Mal sehen wohin die nächste Reise geht.

Boot

Typ: FAM
Länge über Alles: 5,40 m
Breite über Alles: 2,05 m
Tiefgang ohne/mit Schwert: 0,3/1,1 m

Segelfläche:

Großsegel: 10,7 Quadratmeter
Fock: 4,5 Quadratmeter
Genua: 8,3 Quadratmeter

Verdrängung:
Boot: 435 kg
3 Personen: 180 kg
Gepäck: etwa 120 kg
Gesamt: etwa 735 kg

Motor: Außenbord, 4 PS, Zweitakt, 2,8 Liter Einbautank

Elektrik:

Batterie: 12V, 9Ah
Solarpanel: 20W, Fläche 40 cm * 40 cm
BSH-Beleuchtung (Zweifarblaterne, Hecklicht, Toplicht)
4W Leuchtstoffröhre zur Kajütbeleuchtung
für diverse Ladegeräte (Handy, Kamera, Laptop) ein selbst gebauter Rechteck-Wechselrichter

Törndaten

Gesamtstrecke: 408 Seemeilen
gesegelte Strecke: 60 Seemeilen
Strecke unter Motor: 348 Seemeilen
Benzinverbrauch: 110 Liter